INFEKTIÖSE POLYNEUROPATHIE
(infektiöse, infektionsbedingte Polyneuropathien)

Zunächst gute Nachrichten für alle Schmerzpatienten

Der Begriff "infektiöse Polyneuropathie"

"Infektiöse" bedeutet "ansteckungsfähige, ansteckende, übertragbare". Unter einer Infektionen versteht man das Eindringen von Mikroorganismen wie z.B. Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten in den Mensch, wo sie sich vermehren.
Das Wort Polyn europathie setzt sich zusammen aus "poly" (= viel, mehr als normal), neuro (= Nerven betreffend) und "pathie" (= Leiden, Schaden, Krankheit).

Das klassische Beispiel für infektionsbedingte Polyneuropathien ist die Polyn europathie im Rahmen einer Borreliose, auch Lyme-Borreliose genannt. Die Borreliose ist eine Multisystemerkrankung und läuft in Stadien ab. Die variable Symptomatik reicht von akuten Hautläsionen (Erythema chronicum migrans) bis hin zu schweren rheumatologischen, neurologischen (u.a. infektiöse Polyn europathie) und kardialen (= das Herz betreffenden) Manifestationen (=Erscheinungen).
Grundsätzlich kann jede der klinischen Manifestationen
(= Krankheitszeichen) isoliert, aber auch in Kombinationen auftreten.
In Mitteleuropa erfolgt die Übertragung des krankheitauslösenden Bakteriums Borrelia burgdorferi durch die Zecke Ixodes ricinus. Der Zeckenbiss (genauer gesagt, Zeckenstich) wird oft nicht bemerkt.
Erstes Anzeichen ist eine wandernde, flächenhafte Rötung (Erythema migrans). Diese tritt Tage bis Wochen nach dem Zec
kenbiss auf.

Auch diese infektionsbedingte Polyn europathie bzw. Lyme Krankheit führt im fortgeschrittenen Stadium zu einem brennenden Dauerschmerz im Versorgungsgebiet peripherer (= außerhalb Rückenmark und Gehirn verlaufender) Ner ven, vorwiegend in Ar me und Be ine, vor allem im Bereich von Finger und Zehen. Darüber hinaus bestehen Parästhesie n (= Fehlempfindungen), Hyperästhesie n und Hyperpathie n (= gesteigerte Berührungsempfindlichkeiten), Druckschmerzhaftigkeit von Ner ven und Mus keln sowie evtl. motorische (= die Muskelfunktion betreffende) Reizerscheinungen (Cram pi) (Gerstenbrand et Rumpl 1988).
Schmerzattacke n wie bei einer Neuralgie sind sehr selten. Charakteristisch sind socken- bzw. handschuhförmige Sensibilitätsstörungen (= Störungen der Empfindlichkeit).
Der brennende Schmerzcharakter kann manchmal zur Verwechslung mit einer Kausalg ie führen.

Weitere Infektionen, die, wenn auch viel seltener, zu infektiöse n Polyneuropathien führen können (Auswahl): Masern, Herpes, HIV, Diphtherie, Lepra und Malaria.

Untersuchung bei einer infektiöse n Polyneuropathie im Rahmen einer Borreliose:
Der Nachweis der Borrelien-Infektion erfolgt serologisch (= Blutuntersuchung auf Antikörper).
Bei Verdacht auf Neuroborreliose sollte grundsätzlich auch der Liquor cerebrospinalis (= das Hirnwasser) untersucht werden (Liquor/Serum-Paar vom selben Tag).
Ansonsten führt auch die
infektiöse Polyn europathie zu einer Hypo- bis Areflexie (= Abschwächung bis hin zu Ausfall der Muskeleigenreflexe), Ausfällen im Vibrationsempfinden (Pallhypästhesie bis hin zu Pallanästhesie im Stimmgabelversuch) und Störungen der Sudomotorik (= Schweißverhalten), die von Lähmungen begleitet sein können.
Je nach Verteilungsmuster unterscheidet man symmetrische und asymmetrische, rein sensorische (= die Empfindlichkeit betreffende) oder sensorisch-motorische (= die Empfindlichkeit und Muskelkraft betreffende) Formen von
Polyneuropathien.
EMG (Elektromyographie) und NLG (Nervenleitgeschwindigkeit) sichern die Diagnose einer Polyn europathie, unabhängig von der Ursache.

Kausale (= auf die Ursache gerichtete) Therapie bei Polyneuropathie (infektiöse):

Die Primärtherapie (= Basis- oder Grundbehandlung) erfolgt im Falle der Lyme Krankheit mit Antibiotika, ansonsten muß primär die Grundkrankheit bzw. die vorliegende Infektion entsprechend bekämpft werden.

Symptomatische (= auf die Krankheitszeichen ausgerichtete) Therapie der infektiöse n Polyn europathie (gilt auch für andere Formen):

Physikalische Therapie bei infektiöse r Polyneuropathie:
Eine Vielzahl von Methoden sind geeignet, das Schmerz bild einigermaßen erträglich zu halten. Zu erwähnen wären besonders kalte oder warme Wickel, Wechselbäder, Kneipp`sche Güsse, Wärmekammer oder eine oberflächliche Kryobehandlung (= Kältebehandlung) mit Kondensationsdampf aus flüssigem Stickstoff oder Kaltluftgenerator.
In einigen Fällen kann auch eine Linderung mit transkutaner Nervenstimulation (TENS) mittels Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden herbeigeführt werden.

Neuerdings führen wir bei einer infektiöse n Polyn europathie im Bereich der unteren Extremitäten (= Beine) zusätzlich mit gutem Erfolg die SynOpsis Therapie durch. Die Unterschen kel des Pat. befinden sich dabei in einem mit Wasser gefüllten Gefäß. Über einen Computer werden der Flüssigkeit Schallwellen einer bestimmten Frequenz pulssynchron (= in Ahängigkeit vom Pulsschlag) zugeführt. Es handelt sich dabei um ein sog. syncardiales (= im gleichen Rhythmus) Gefäßtraining. Durch die Verbesserung der Durchblutung wird der Stoffwechsel der Nervenzellen optimiert. Mehr über diese Therapie erfahren Sie hier: www.1-avk.de (einfach anklicken).
Auch eine sog. Hochtontherapie kann sehr hilfreich sein.

Spezielle Schmerztherapie

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) bei infektiöse r Polyneuropathie:
Wiederholte Nervenblockade n - Die wiederholte Blockierung (Betäubung) der korrespondierenden Nervenleitungen mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) hat sich sehr bewährt. Dabei kommt es neben der (erwünschten) Hemmung der Nozizeption (= Schmerzreizleitung) gleichzeitig zu einer Blockade vegetativer (sympathischer) Faseranteile (Sympathikolyse), woraus eine sehr deutliche Mehrdurchblutung im korrespondierenden Gewebebereich resultiert, die jedem entzündlich/degenerativen Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung bei der infektiöse n Polyn europathie nicht nur symptomatisch, sondern auch kurativ (= auf die Ursache ausgerichtet).Eine derartige Durchblutungssteigerung führt auch zu einer Optimierung eines gestörten und damit potentiell schmerzauslösenden Metabolismus (= Stoffwechsel) der Nervenzellen.
Im Bereich der oberen Ex tremitäten (= Ar me) bietet sich die Blockade des Pl exus brach ialis (= großes Armnervengeflecht) an
, insbesondere kontinuierlich mit Katheter.
Im Bereich der unteren Ex tremitäten (= Be ine) kann, besonders bei distal (= weiter unten) betonten Beschwerden, zunächst der Nervus isch iadicus wiederholt blockiert werden. Nach probatorisch guter Wirkung empfiehlt sich zur Durchführung einer kontinuierlichen (repetitiven) Blockade die Einpflanzung eines Katheters (* siehe unten).
Bei den häufig vorkommenden sockenförmigen Beschwerden gilt es jedoch zu bedenken, daß im Knöchelbereich auch der Nervus saphenus beteiligt sein kann, der dann in die Blockadetherapie mit einbezogen werden muß.
Bei Beschwerden im Bereich der unteren Ex tremitäten (= Be ine) kann auch eine niedrig dosierte per idurale (= rückenmarknahe) Blockade durchgeführt werden. Dabei gilt, daß eine Therapie mit Leitungsblockaden dann optimal ist, wenn diese möglichst kontinuierlich durchgeführt werden, d.h., die Folgeblockade sollte immer dann gesetzt werden, wenn die vorhergehende eben abgeklungen ist. Dieser Forderung wird am ehesten die Kathetertechnik gerecht (* siehe unten). In der Regel reicht eine geringe Lokalanästhetika-Dosierung aus (z.B. Bupivacain 0,125 bis 0,15%).
Zur Therapie werden auch Sak ralblockaden (= rückenmarknahe Blockade durch eine Öffnung im Kr euzbein hindurch) empfohlen (Kossmann et al. 1988).

Fast regelmäßig kommt es nach einer intensiven Blockadebehandlung bzw. Behandlung mit Lokalanästhetika zu einer Besserung der Pallästhesie (= Vibrationsempfinden), so daß sich die diesbezügliche Untersuchung zur Objektivierung eines Behandlungserfolges eignet.

Intravasale (= in ein Blutgefäß verabreichte) Lokalanästhetika-Gabe:
Bei polyneuropathischen Beschwerden im Beinbereich hat sich die wiederholte intraarterielle (= in die Schlagader) Einspritzung eines Lokalanästhetikum s (= örtliches Betäubungsmittel) (z.B. Lidocain in niedriger Konzentration) gut bewährt. Dabei verabreichen wir eine Serie von ca. 10 Injektionen in die Arteria femoral is (= Schlagader im vorderen Oberschenkel) an aufeinander folgenden Tagen, jeweils 1x täglich. Um die Traumatisierung (= Verletzung) der Arterienwand möglichst gering zu halten, wird eine sehr dünne Kanüle verwendet. In der Regel geben die Patienten unmittelbar nach dem Einspritzen ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Wärmegefühl im behandelten Bein an.

Sehr gute Erfolge sehen wir, wenn bei der infektiöse n Polyn europathie oben beschriebene Nervenblockade n mit einer Infusionsserie kombiniert wird. Der Infusionslösung (z.B. 500 ml NaCl) werden 1-1,5 mg/kg Körpergewicht Lidocain zugesetzt.

* Bei der sog. kontinuierlichen Nervenblockade mit Katheter wird ein dünner Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Ner ven oder das betroffene Nervengeflecht eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht "aufgeschnitten" werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel in den Katheter auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Nach neueren Erkenntnissen vermag eine solche intensive Blockadebehandlung auch das sog. Schmerzgedächtnis zu löschen, auch bei einer infektiöse n Polyneuropathie.

Bestehen Schmerzen, auch aufgrund einer infektiöse n bzw. infektionsbedingte n Polyn europathie, längerfristig, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen, hilfreich ist auch ein Schmerzbewältigungstraining.

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Aktualisiert: >22.04.2008</>kusb&
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